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Zeit loszulassen

23.10.2016 Feri Thierry

Für ein „political animal“ wie mich gibt es wohl nichts Spannenderes, als die Möglichkeit zu haben, eine politische Bewegung völlig neu aufzubauen. Eine politische Reformbewegung, wie sie für das 21. Jahrhundert passt und richtig ist: innovativ, partizipativ, transparent. Genau an diesem Projekt durfte ich in den letzten fünf Jahren von Beginn an mitarbeiten. Die spannendste, bereicherndste, aber auch anstrengendste Zeit meines bisherigen Lebens.

Als mir Matthias Strolz im November 2011 von seiner Idee erzählte, eine neue politische Bewegung zu gründen, sagte ich ohne Zögern zu, das Projekt als Politikberater zu begleiten. In den folgenden Monaten haben wir ein Programm erarbeitet, eine Positionierung entwickelt, eine Struktur gezimmert, Prozesse gestaltet, einen Namen gefunden, ein Logo kreiert. Und nach der formellen Gründung einer Partei im Oktober 2012 Allianzpartner angesprochen, um sie für ein Wahlbündnis zu gewinnen.

Nach dem erfolgreichen Einzug ins Parlament am 29. September 2013 nahm ich das Angebot von Matthias Strolz an, die Funktion des Bundesgeschäftsführers zu übernehmen. Ich habe meine Politikberatungsagentur (mit damals acht Mitarbeiter_innen) verkauft, um mich dem Projekt NEOS auf unbestimmte Zeit zu widmen. In den letzten drei Jahren gehörte es zu meinen Aufgaben, die Organisation unserer Bürger_innenbewegung aufzubauen, Strukturen in den Bundesländern zu etablieren, die Kommunikation zu managen, die Strategieentwicklung zu leiten und schließlich auch Wahlkämpfe zu leiten oder zumindest zu begleiten.

Nicht alles ist gelungen: Manche Wahlen gingen verloren, mancher Weg war länger als gedacht, auch verließen uns manche Wegbegleiter_innen wieder. Es war aber auch vieles erfolgreich: NEOS liegt seit einem Jahr sehr stabil bei durchschnittlich 7 % in den Umfragen, wir sind in allen Bundesländern vertreten, haben den Einzug ins Europaparlament, zwei Landtage und dutzende Gemeinderäte geschafft, wir treten geschlossen auf, die Schulautonomie ist auf Platz 1 der bildungspolitischen Agenda angekommen, völlig neue Standards bei Finanztransparenz, Beteiligung und Vorwahlen in der Politik gesetzt und einiges mehr.

Mein größtes und wichtigstes Projekt der letzten zwölf Monate war KRAFTWERK NEOS, mit dem wir unsere Bewegung fit für den nächsten bundesweiten Wahlkampf gemacht haben: Markenkern geschärft, Organisationsstruktur optimiert, Konzept für die bessere Einbindung von Expertise und Talenten entwickelt, Listenerstellungsmodus verbessert, Datenmanagement neu aufgestellt und schließlich neue Mobilisierungstools aufgesetzt. Dazu haben wir unsere personelle Struktur umgestellt: Community- und Mobilisierungs-Management ausgebaut, die Führung des Mutterschiffs der Bewegung mit einem Generalsekretär neben dem Bundesgeschäftsführer breiter aufgestellt. Und wir starten unter dem Titel „Österreich geht anders“ mit der bisher größten Kampagne seit der letzten Nationalratswahl in den Herbst. Damit sind wir fit für die Herausforderungen des (voraussichtlichen) Wahljahrs 2017.

Die NEOS-Mitgliederversammlung am 22. Oktober 2016 war der Schlusspunkt dieser Weiterentwicklung der Organisation, nun kommt die nächste Etappe – und die heißt Wahlkampf. Die Königsdisziplin für jede/jeden Parteimanager_in. Eine solche Etappe braucht 150 % Kraft und Energie. Nach meiner Arbeit in den letzten drei bis fünf Jahren hatte ich zu entscheiden, ob ich diese Kraft aufbringen kann, ob ich in diese nächste Etappe gehen möchte.

Und ich habe gespürt: Es ist Zeit loszulassen. Frische Kraft und Energie tun der Organisation gut – und auch mir selbst. Deshalb habe ich mich entschieden, mit 31. Oktober 2016 meine Funktion als Bundesgeschäftsführer zurückzulegen und meine Rolle zu wechseln. Der Vorstand von NEOS hat mich gebeten, auch weiterhin an Bord zu bleiben: als Vermittler für mögliche Wahlallianzen und in beratender Funktion für den Wahlkampf. Das werde ich selbstverständlich gerne und mit Freude machen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass es NEOS braucht in Österreich – als Motor für Veränderung, für Erneuerung.

Meine Entscheidung schafft Erleichterung, aber auch Wehmut. Ich freue mich auf mehr Lebensqualität, freie Zeit und darauf, dass der Anzug wieder passt. Aber natürlich erfüllt es mich mit Wehmut, zukünftig nicht mehr selbst Führungsverantwortung für dieses wichtige Projekt zu tragen. Dieser Trennungsschmerz ist aber leicht zu verkraften, denn ich werde weiterhin einen Beitrag – in anderer Rolle – leisten. Und vor allem sehe ich meine Nachfolge mit Stefan Egger als Bundesgeschäftsführer und Nikola Donig in der neuen Funktion des Generalsekretärs in den bestmöglichen Händen. Mit beiden habe ich in den letzten Monaten und Jahren sehr eng und vertrauensvoll zusammengearbeitet. Und werde das gerne auch weiterhin tun.

Auf die nächste Etappe! Denn Österreich geht anders.